Wort zum Monat September

Gedanken zur Bibelstelle Lukas 13,30

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein,  und sind Erste, die werden die Letzten sein. (Lukas 13,30)

Liebe Leserinnen und Leser,

„die Letzten werden die Ersten sein“, sagte der Lehrer, als er beim Aufrufen der Namen das Alphabet herumdrehte und hinten anfing. In unzähligen Zusammenhängen wird dieses Bibelwort wie eine sprichwörtliche Redewendung benutzt. Den meisten Menschen, die diese Worte verwenden, wird gar nicht bewusst sein, dass sie gerade einen Satz von Jesus zitieren. Und diejenigen, die das wissen, wissen unter Umständen nicht, was Jesus damit eigentlich sagen wollte.

Und siehe! Mit diesen Worten ruft die Bibel immer wieder zu besonderer Aufmerksamkeit, so in dem Sinne: Jetzt kommt etwas ganz Wichtiges!

Zwei Personengruppen werden uns vorgestellt. Letzte – die vielleicht schon dachten, dass für sie nichts mehr übrig bleibt. Dass sie nicht mehr dran kommen und nicht beachtet werden. Und Erste – die vorn dran waren, wo alles klar zu sein schien. Die sich beste Chancen ausgerechnet hatten. Und jetzt passiert etwas: Mit einem Mal wird die Ordnung auf den Kopf gestellt und in ihr Gegenteil verkehrt. Unerwartet. Überraschend, so dass alle aufmerken: Es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

Aber wovon spricht Jesus eigentlich? Es geht ihm ja nicht darum, das Phänomen der zweiten Kasse zu erklären. (Wenn im Supermarkt eine zweite Kasse öffnet und die, die in der bisherigen Schlange ganz hinten standen, blitzschnell hinüberwechseln!)

Jesus hat dieses Wort mehrfach verwendet, auch in unterschiedlichen Zusammenhängen. Eine wichtige Beobachtung bei unserem Vers ist der genaue Blick auf den Wortlaut, der im sprichwörtlichen Gebrauch ein wenig anders klingt als in der Bibel. Bei Jesus werden diese Worte nicht absolut und generell gebraucht. Es sind nicht alle Letzten und alle Ersten, von denen er spricht. Interessant, wie der Satz in den Parallelüberlieferungen (Mt und Mk) klingt: Viele, welche Erste sind, werden Letzte sein. Jesus stellt kein allgemein gültiges Gesetz auf. Nein, aber: Die Ordnung wird durchbrochen werden!  Es wird Letzte geben, die Erste sein werden und umgekehrt.

In unserem Text geht es um eine entscheidende Frage: Es geht um die Frage nach der Zukunft. Es geht um die Frage, wer letztlich Eingang ins Reich Gottes findet. Viele jüdische Zeitgenossen Jesu waren sich ihrer Sache da sehr sicher. Schließlich gehörten sie ja zum Volk Gottes und stammten von Abraham ab. Auf die anderen, die Heiden, schaute man herab. Nein, die sind nicht würdig, bei Gott sein zu dürfen. Sie bekommen keine Eintrittskarte, um am großen Festbankett Gottes teilnehmen zu dürfen. Die Lage ist doch klar: Die besonders Frommen bekommen die besten Plätze, die große Masse darf auch irgendwie rein, und dann gibt´s eben auch die, die draußen bleiben. Das sind natürlich immer die anderen. Mancher denkt auch heute so. In den Jahren meines Dienstes habe ich es gelegentlich erlebt, dass Menschen die Gemeinde verlassen haben, weil sie der Meinung waren, sie seien ja frömmer und gläubiger als die anderen. So dachten auch die Menschen, an die sich Jesus gerichtet hat.

Jesus wendet sich gegen eine falsche Selbstsicherheit. Damals bei den Menschen aus seinem Umfeld, die sich auf ihre Herkunft beriefen oder auf ihre vielen guten Taten. Heute – bei jedem von uns, dem er die Frage stellt: Bist du dir deiner Sache so sicher, weil du dich ja so stark für die Gemeinde und das Reich Gottes engagierst, verschiedene Ämter innehast und für die Wahrheit einstehst? Verlässt du dich auf die Fakten: Getauft und Gemeindemitglied, da dürfte doch alles klar sein? Schaust du auf andere und denkst: Na ja, bei denen braucht Gott schon besonders viel Gnade, wenn er die aufnehmen will …

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein. Jesus stellt die Ordnung immer wieder auf den Kopf. Unser Monatsspruch ist Ermahnung und Ermutigung zugleich: Ermutigung für die, die mit leeren Händen vor Jesus stehen und nichts zu bringen haben, aber sich ehrlichen Herzens selber geben und auf seine Gnade hoffen. Ermahnung für die, die sich ihrer Sache doch so sicher sind und sich obenauf wähnen. Sie werden mit der Frage konfrontiert: Worauf verlässt du dich? Aber auch in der Mahnung liegt noch ein Trost: Erste werden zu Letzten – aber das heißt ja, dass sie auch dabei sein werden. Erst die, die nach den Letzten kommen, werden draußen bleiben.

Lassen wir uns nach der Sommerpause durch die Worte Jesu herausfordern und fragen uns: Worauf verlasse ich mich? Wie schaue ich auf andere? Oder lassen wir uns ermutigen: Mit leeren Hände komme ich und gebe mich ganz dir, Herr, und vertraue deiner Gnade.

Frank Wegen