175 Jahre Baptisten (Teil2)

Julius Köbner

Im Gemeindebrief vom Oktober wurden die Anfänge der deutschen Baptisten skizziert. Neben Johann Gerhard Oncken sind Gottfried Wilhelm Lehmann und Julius Köbner als leitende Personen der Gründerzeit zu nennen. Der Berliner Lehmann (1799-1882) kam 1837 zum Baptismus. Er gehört zu den Mitbegründern der Evangelischen Allianz in Deutschland.

Köbner (1806-1884) entstammt einem rabbinischen Elternhaus in Dänemark. Der gelernte Kupferstecher trat im Zuge seiner ersten Hochzeit 1826 der evangelisch-lutherischen Kirche bei. 1836 empfangen seine Frau und er die Gläubigentaufe in der Gemeinde Onckens.

Köbner stellt sich in den Dienst der jungen Gemeinde. Ihm sind zahlreiche Lieder, Traktate und Dichtungen zu verdanken, aber auch die erste deutsche Übersetzung der Schrift „Augenblick“ des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard. 1837 veröffentlicht er gemeinsam mit Oncken das erste baptistische Glaubensbekenntnis.

Das Musizieren stand zu Köbners Zeiten in hohem Kurs. Menschen aus bildungsfernen Schichten wurden zu eifrigen Lesern, um über ihren Glauben Rede und Antwort stehen zu können. Vielleicht mehr als die organisatorischen Strukturen des Bundes haben das Singen und das Lesen zu Identität und Zusammenhalt der Baptisten über die einzelne Ortsgemeinde hinaus beigetragen. Das gemeinsame Liedgut begleitete die Gemeindemitglieder ein Leben lang und verband die Generationen.

1849 veröffentlicht Julius Köbner das erste Gesangbuch der Baptisten, die »Glaubensstimme der Gemeine des Herrn«. 59 Lieder dieses Gesangbuchs stammen aus seiner eigenen Feder. In den roten Gemeindeliederbüchern sind drei Köbner-Lieder enthalten, im »Feiern & Loben« nur noch eines. Mittlerweile wurde die »Glaubensstimme« vollständig digitalisiert von Google.

In Köbners Zeit fällt auch die Märzrevolution von 1848. Diese wurde vor allem von liberalen Kräften getragen und hatte u.a. demokratische Reformen und die Durchsetzung bürgerlicher Freiheitsrechte zum Ziel. Köbner begrüßte diese Ziele. Er veröffentlichte im selben Jahr das »Manifest des freien Urchristenthums«. Darin preist er die neu gewonnene allgemeine Religionsfreiheit und stellt den Baptismus als emanzipatorische und basisdemokratische religiöse Bewegung dar, die sich diesem Bürgerrecht verpflichtet weiß.

Zu dem Zeitpunkt war die deutsche baptistische Bewegung knapp 15 Jahre alt. In dieser relativ kurzen Zeitspanne waren in den verschiedenen deutschen Ländern 25 Gemeinden und zahlreiche Missionsstationen gegründet worden. Diese Ausbreitung geschah jedoch nicht ohne Widerstand der staatlichen und staatskirchlichen Behörden. Versammlungen der Baptisten wurden polizeilich aufgelöst, über die Prediger und Missionare Geld- und Gefängnisstrafen verhängt, Eheschließungen verweigert und die Kinder baptistischer Familien zwangsgetauft.

Wesentlicher jedoch war für Köbner die Forderung nach Trennung von Kirche und Staat, die er aus dem Neuen Testament ableitete und die von Anfang an zu den Grundüberzeugungen der Baptisten gehörte. Köbners Manifest wurde rasch durch die staatliche Zensur verboten. 2006 erschien eine Neuauflage Markus Wehrstedt und Bernd Wittchow.

Die Zusammenarbeit des sog. »Kleeblatts« Oncken-Lehmann-Köbner zerbrach 1871 im »Hamburger Streit«: In Altona hatte sich gegen den Willen Onckens eine selbständige Gemeinde konstituiert. Oncken beanspruchte die Autorität eines gemeinsamen Ältesten aller Bundesgemeinden. Im Bund setzte sich mit Lehmanns und Köbners Unterstützung das Prinzip der Selbständigkeit der Ortsgemeinde durch. Erst 1876 kam es zu einer Versöhnung.

Ausgedehnte Missionsreisen führen Köbner durch Deutschland, die Niederlande und Dänemark, wo er eine ganze Reihe von Baptistengemeinden gründete. Köbner übernahm am Ende seines Lebens eine Predigerstelle in Berlin, wo er seinen Lebensabend beschloss.

 

Quellen: Rothkegel, Martin: 175 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland. Folge 2/12.

Balders, Günter: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland 1834-1984. Festschrift. 1989 Wuppertal und Kassel.

 

Katja Rabold-Knitter